16. März 2006

  • © Landkreis Reutlingen

"Wege zu neuen Wohnformen - selbstbestimmt und selbständig im Alter"

Grußwort zur Veranstaltung am 16. März 2006 um 13.30 Uhr
im Landratsamt Reutlingen
 

MdL’s, BM, Damen und Herren Kreisräte,
Gemeinderäte, Herr Dekan Dr. Mohr, verehrte Gäste,
sehr geehrte Damen und Herren,


die demographische Entwicklung schlägt auch im Landkreis Reutlingen gnadenlos zu: Herr Dr. Göschel wird dies noch näher ausführen. Die steigende Zahl der Hochbetagten wird verbunden sein mit einem erhöhten Bedarf an Hilfs- und Pflegeleistungen.

Gut, dass wissen wir alle, werden Sie sagen, aber machen wir es konkret für Reutlingen: Während die Zahl der Einwohner der Stadt Reutlingen sich vom Jahr 2000 mit rd. 110 350 Einwohnern im Jahr 2010 auf rd. 113 500 erhöhen wird, wird die Zahl der über 65-jährigen Menschen im gleichen Zeitraum von rd. 17 500 auf fast 23 900 im Jahr 2010 ansteigen. Das ist ein Zuwachs von über 36 %!

Der Anteil der über 80-Jährigen wird in diesen 10 Jahren um über die Hälfte von 4 200 auf 6 450 anwachsen. Und eine weitere statistische Zahl ist in diesem Zusammenhang richtig spannend, die belegt, welch intensive Bereitschaft besteht, Angehörige zu Hause zu pflegen: Im Landkreis Reutlingen werden rd. 80 % der hilfebedürftigen älteren Menschen zu Hause von den Angehörigen versorgt. Dies nötigt mir den allergrößten Respekt ab und widerspricht übrigens der häufigen Meinung, ältere Menschen würden leichtfertig in Pflegeheime abgeschoben. Das Gegenteil ist richtig: Nur dort, wo es nicht anders geht, müssen Pflegeheime einspringen, um die Vorsorgung der älteren Menschen zu übernehmen.
Was heißt das?
Ich denke, neue Wohnformen, passend zu vielfältigen Bedürfnislagen älterer Menschen und integriert in die Gemeinde sind für die Zukunft das Gebot der Stunde. Das bedeutet flexible Betreuungs- und Pflegeangebote für das Wohnen zu Hause und Wohnprojekte für Jung und Alt. Wohn- und Hausgemeinschaften sowie Quartierskonzepte sind Beispiele, wie Wohnen, Gemeinschaft und verlässliche Dienstleistungen in unterschiedlicher Form und Intensität miteinander verbunden und bedarfsgerecht organisiert werden können.


In diesem Zusammenhang ist das Pilotprojekt „Gemeinschaftliches Wohnen für unterstützungsbedürftige ältere Menschen in Hohenstein“ in Hohenstein-Bernloch ein beispielgebendes und zukunftsweisendes Wohnprojekt für ältere Menschen. Dieses Projekt wird zum einen Wohnen in Gemeinschaft für ältere Menschen ermöglichen, zum anderen ganz normales betreutes Wohnen anbieten. Damit verlegen sich die Hohensteiner mehr ins Vor- und Umfeld der Pflege und setzen dort ein, wo es häuslich nicht mehr geht, wo aber ein Pflegeheim noch nicht sein muss. Das Projekt wird Ihnen heute noch näher vorgestellt!

Meine Damen und Herren, die traditionellen Grenzen zwischen privaten und organisierten Wohnformen, zwischen ambulanter und stationärer Versorgung verwischen zunehmend. Die Zielvorstellung der unterschiedlichen Wohn- und Versorgungsangebote gleichen sich immer stärker an: Ein möglichst normales und selbstbestimmtes Leben soll auch im Falle von Hilfe- und Pflegebedürftigkeit geführt und im Rahmen der eigenen finanziellen Möglichkeit bezahlt werden können.

„Wege zu neuen Wohnformen“ bedeuten also nicht nur die Entwicklung von neuen Wohnprojekten für unterstützungsbedürftige ältere Menschen, sondern beinhalten eine Vielzahl an notwendigen Aktivitäten und flankierenden Maßnahmen:

Ø In erster Linie wird es darum gehen müssen, eigene und individuelle Altersvorsorge zu treffen, die Altersvorsorge also als höchstpersönliche Aufgabe anzunehmen und zu begreifen, die durch eine kommunale Daseinsvorsorge unterstützt, begünstigt und begleitet werden kann.
Ø Dies bedarf einer Ermöglichungshaltung aller Akteure.
Ø Weil wir im Landkreis eine sehr gute Infrastruktur ambulant, teilstationär und stationär auf- und ausgebaut haben, wird in den kommenden Jahren die Vernetzung, die Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfesysteme im Sinne eines Pflegemixes, d. h. die Verknüpfung der Hilfe zur Selbsthilfe und professionelle Hilfe von entscheidender Bedeutung sein.
Ø Weil familiäre Begleitung und Unterstützung nicht mehr in dem Maße vorhanden sein wird wie bisher, ist ein rechtzeitiger Aufbau von Netzwerken entscheidend. Der Landkreis und hier insbesondere die Altenhilfefachberatung wird hierbei als Plattform oder Drehscheibe fungieren müssen, um die Menschen mit Ideen, Initiativen und Akteuren zusammen zu bringen, Projekte anzuregen und bei Bedarf diese Wege zu begleiten.


Für alle Beteiligten ist das ein anspruchsvolles Vorhaben, vor allem aber für die öffentliche Hand wird diese Veränderung folgenreich sein. Wir werden nicht länger Geld allein in die stationäre Versorgung pumpen können, schon deshalb nicht, weil die ambulante Versorgung den Bedürfnissen vieler Menschen vielmehr entspricht. Wir werden uns noch konsequenter überlegen müssen, ob immer höhere Standards für Einrichtungen wirklich die Pflege verbessern oder nur die Mauern höher machen. Und wir werden uns alle zusammen auf neue Wohn- und Versorgungsformen einlassen müssen, die nicht in bisherige Finanzierungsmuster passen. Und als Folge hieraus werden wir neue Finanzierungsmöglichkeiten für zukunftsweisende Modelle bereitstellen müssen.

Und ich begrüße ausdrücklich, dass die Sozialministerin des Landes Baden-Württemberg, Frau Dr. Stolz, eine Initiative gestartet hat, verstärkt bürgerschaftliches Engagement in der Pflege zu unterstützen. Ihr Vorschlag, Sterbebegleitung durch Hospizgruppen in Pflegeheimen oder die Unterstützung häuslicher Entlastung pflegender Angehöriger in den Katalog der Fördermaßnahmen aufzunehmen sowie den Aufbau wohnortnaher niedrigschwelliger Hilfen und Unterstützungsnetzwerke für Pflegebedürftige und das bürgerschaftliche Engagement für Pflegebedürftige in neuen Wohnformen zu unterstützen, gehen ja genau in diese Richtung.

Meine Damen und Herren, der Landkreis Reutlingen will mit der heutigen Veranstaltung Impulse setzen und Aktivitäten unterstützen, die in besonderer Weise diesen Herausforderungen Rechnung tragen. Ich lade Sie alle ein, sich mit uns auf diesen neuen Weg zu begeben und bedenken Sie: Wir planen nicht „für irgendjemanden“ – meine Damen und Herren: Wir planen für uns selbst!


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