10. April 2005

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Ausstellung: "Wir wollten das andere"

Grußwort zur Ausstellung „Wir wollten das andere“ am 10. April 2005 um 17.00 Uhr
 
Sehr geehrter Herr Prälat,
Herr Bürgermeister Ewald,
Damen und Herren Abgeordnete, Kreisräte,
Frau Baacke,
Herr Pfarrer Schmidt,
liebe Schüler des Graf-Eberhard-Gymnasiums,
liebe Lehrer,
meine Damen und Herren,


ich habe sehr gerne gemeinsam mit Herrn Prälat Maier die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen, weil es wichtig ist, dass wir uns klar bekennen und ein Zeichen geben.

„Jeder einzelne Mensch hat einen Anspruch auf einen brauchbaren und gerechten Staat, der die Freiheit der einzelnen als auch das Wohl der Gesamtheit sichert.
Denn der Mensch soll doch Gottes Willen frei und unabhängig im Zusammenleben und Zusammenwirken der staatlichen Gemeinschaft sein natürliches Ziel, sein irdisches Glück in Selbständigkeit und Selbsttätigkeit zu erreichen suchen.“


Mit diesem Zitat aus dem „Flugblatt 3“ wird deutlich, dass die Mitglieder der Weißen Rose für etwas eintraten, was vielen von uns – gerade den Jüngeren – nach mehr als fünf Jahrzehnten stabiler Demokratie als das Selbstverständlichste der Welt erscheinen mag: Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit.

Doch diese Werte sind keineswegs naturgesetzlich einfach „da“ und sie sind auch nicht auf Dauer sicher – die zwölf Jahre des nationalsozialistischen Terrors zeigen das und ein Blick heute in andere Teile der Welt ebenso.
„Der Friede ist kein Naturzustand“, sagte Immanuel Kant. Also bedarf es der Friedensstifter. Und seit zum Beispiel die NPD in Sachsen ganz aktuell wieder eine parlamentarische Bühne erobert hat und sie in für mich unerträglicher Weise für ihre Zwecke zu nutzen versteht, ist es, meine Damen und Herren, mit dem „rechts“ liegen lassen endgültig nicht mehr getan.
Dies gilt in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang mit dem 8. Mai 2005, dem 60. Jahrestag des Kriegsendes in besonderer Weise, dies gilt aber auch für jeden anderen Tag eines beliebigen Jahres.


Staatliches Handeln und staatliche Gesetze können bürgerschaftliches Engagement nicht ersetzen, denn Toleranz und vor allem Zivilcourage lassen sich nicht von Staats wegen verordnen. Wir brauchen deshalb viele solcher Initiativen, wie diejenigen der Ausstellungsmacher der heutigen Ausstellung, damit die Rechnung derjenigen nicht aufgeht, die auf Gewalt und Hass setzen.

Denn die wichtigste Lehre des Widerstandes ist die, dass ein Unrecht am besten bekämpft werden kann, dass es gar nicht die Chance erhält, an die Macht zu kommen. Demokratiefeindlicher und demokratiezerstörerischer Extremismus kann nur durch Festigkeit, nicht aber durch Weggehen, Weghören und Wegsehen überwunden werden. Wir dürfen Extremismus deshalb nicht unterschätzen und ihm keinen Millimeter ausweichen. Deutschland ist eine stabile Demokratie, wir haben aber keinen Anlass, uns entspannt zurückzulehnen.

Was uns die Opfer der Weißen Rose hinterlassen haben, ist die Aufgabe, politisch wach zu sein und Feinde der Demokratie frühzeitig zu erkennen und zurückzudrängen. Es darf nicht dazu kommen, dass sich eine schweigende Mehrheit nicht zuständig fühlt für das, was in unserem Land passiert. Es reicht eben nicht, Unrecht schweigend zu missbilligen. Nur aktive Demokraten nützen der Demokratie. Wir brauchen Sinn für die Kostbarkeit und Verletzlichkeit der Freiheit. Treten wir also bereits den Anfängen von Unfreiheit, Rechtsbruch und Menschenverachtung entgegen. Zeigen wir Zivilcourage.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die zahlreichen Zeichen und Initiativen für ein friedliches und tolerantes Miteinander verweisen, die in den vergangenen Jahren in vielen Städten und Gemeinden, in Schulen und in Vereinen gewachsen sind. Hier zählen sehr oft gerade auch junge Menschen zu den Initiatoren. Ihr Eintreten für Toleranz und Menschenrechte ist ein wichtiges, ein ermutigendes Zeichen. Und das ist für mich auch das Besondere an der heutigen Ausstellung: Sie richtet sich vor allem an Jugendliche. Sie will zur Diskussion über das eigene gesellschaftliche Engagement und zum Nachdenken darüber anregen, ob und wo Zivilcourage heute notwendig ist. Übrigens, auch wenn die Ausstellung vor dem historischen Hintergrund des Nationalsozialismus steht, ist sie durch das Leitmotiv „Zivilcourage“ nahezu zeit- und epochenunabhängig.

Meine Damen und Herren, das Ringen um die alltägliche Menschlichkeit und die Verteidigung ziviler Tugenden muss die Sache von uns allen sein. Zivilcourage in der Demokratie ist wichtig, überlebenswichtig. Denn sie ist die Kraft, ohne die unser demokratischer Staat nicht leben kann.


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