07. April 2005

  • © Landkreis Reutlingen

Amtseinsetzung Landrat Thomas Reumann

Sehr geehrter Herr Brucker,
verehrter Herr Minister,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
meine Damen und Herren Abgeordneten, Herr Regierungspräsident,
Herr Präsident Dr. Schütz, liebe Kollegen,
meine Damen und Herren Bürgermeister,
Frau Koppi, Herr Heß, meine Damen und Herren Kreisräte,
meine Herren Dekane,
vor allen Dingen aber lieber Herr Dr. Wais, sehr verehrte Frau Wais,
verehrte Festgesellschaft,


ich danke ganz herzlich für die freundlichen Worte und Ihre guten Wünsche. Darüber freue ich mich. Sie sind mir Ansporn und Ermutigung für mein Amt. Ihnen, sehr verehrter Herr Landrat Dr. Wais, möchte ich besonderen Dank sagen. Ihre Amtszeit – wir haben es gehört – waren bewegte Jahre. Und Sie gestatten mir, dass ich als Ihr ehemaliger Erster Landesbeamter und als Ihr Nachfolger im Amte meinen hohen Respekt vor Ihrer Lebensleistung zum Ausdruck bringe. Eine Lebensleistung, die durch die Verleihung der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg öffentlich gewürdigt wird. Zu dieser herausragenden Ehrung gratuliere ich Ihnen von ganzem Herzen. Sie waren im besten Sinne „der Landrat“, ein Landrat, dessen Wirken weit über die eigenen Landkreisgrenzen hinaus gereicht hat. So bleiben Sie uns und so bleiben Sie mir ein Vorbild.

Meine Damen und Herren, wir alle sind heute mit einer Wirklichkeit konfrontiert, wie es sie vor 10 oder 20 Jahren nicht gegeben hat. Eine Wirklichkeit, mit der wir hadern. Umso mehr ist es angebracht, auch am heutigen Tag darüber nachzudenken, was das für Zeiten gewesen sind, in denen die Generation vor uns unser Land nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufbauen musste. Damals hat es überhaupt keinen Sinn gemacht, sich zu versammeln und Forderungen gegen den Staat und die öffentliche Hand zu erheben. Es gab die Länder nicht, es gab den Bund nicht, und die Kommunen, bei denen man hätte Forderungen anbringen können, waren zerstört. Man konnte sich nur auf Eigeninitiative, auf die eigene Kraft und den eigenen Einsatz verlassen. Und wenn ich meine Mutter, über deren Anwesenheit ich mich heute Abend sehr freue, von ihren ganz persönlichen Erlebnissen erzählen höre, lohnt es sich sehr wohl, sich dies vor Augen zu halten. Wir sind doch der Meinung, wir würden in so schlechten Zeiten leben, wie es sie überhaupt noch nicht gegeben hat, und wir hätten nur Grund zur Klage.

Ich selbst bin Teil der Nachkriegsgeneration, die die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland als Erfolgsgeschichte erlebt hat. Die Aussöhnung mit unseren europäischen Nachbarn und die Integration in Europa, das Wirtschaftswunder und ein ständiges Wirtschaftswachstum bis hin zur Wiedervereinigung! Ich erinnere mich sehr gut daran, wie mein Vater Anfang der 60er Jahre als Personalleiter eines mittelständischen Familienunternehmens der Region nach Italien und in die Türkei gereist ist, um dort Arbeitskräfte anzuwerben.

All dies sind gute Gründe, auch unserer Generation und uns selbst etwas zuzutrauen und etwas zuzumuten. Wir haben die Verantwortung, und es liegt in unserer Hand, die schöpferischen Kräfte der Menschen zu wecken und zur Entfaltung kommen zu lassen. Wir brauchen Ideen, die verwirklicht werden. Jeder Einzelne hat Ideen. Sie und ich. Aber kämpfen wir genug darum? Kämpfen wir um ihre Verwirklichung? Was wir brauchen, ist Konsequenz und Stetigkeit. Wir brauchen den Mut zu Initiativen. Wir brauchen den Mut, auch ungewöhnliche Alternativen zuzulassen und zu denken und diese umfassend und vollständig abzuwägen. Und wir brauchen nach meiner festen Überzeugung mehr politischen Spielraum für die Verwirklichung von Ideen auf kommunaler Ebene.

Wir brauchen aber vor allem die Fähigkeit zu konstruktiven Kompromissen. Wir hören es jeden Tag und wir alle bekräftigen es aus tiefer innerer Überzeugung, dass wir Reformen brauchen. Viele Menschen können das Wort „Reform“ aber schon nicht mehr hören, denn Ideen und Visionen müssen zu Taten werden. Und deshalb, lieber Herr Dr. Wais, ist die von Herrn Ministerpräsident Teufel und Ihnen maßgeblich mit vorangetriebene Verwaltungsreform des Landes Baden-Württemberg für mich von so entscheidender Bedeutung. Sie haben nicht nur den Mut zu Visionen gehabt, Sie haben auch die Kraft und die Bereitschaft gehabt, sie gegen Widerstand umzusetzen und zu verwirklichen. Diese Verwaltungsreform hat nicht das Schicksal so vieler Reformansätze – ich denke etwa an die Ergebnisse der Bulling-Kommission im Jahr 1976 – erfahren, die zerredet worden und in Schubladen verschwunden sind.

Nun, meine Damen und Herren, es ist heute weder Zeit noch Ort, die von uns in den kommenden Jahren im Landkreis Reutlingen zu diskutierenden und zu beantwortenden Fragen im Einzelnen und detailliert auszuführen. Wobei ich Ihnen, lieber Herr Dr. Wais, fast dankbar bin, dass Sie mir bei Ihrem Engagement noch etwas übrig gelassen haben!

Nun, mich bewegt eine Frage, die für den Landkreis Reutlingen von entscheidender Bedeutung sein wird. Und ich möchte diese Frage als These formulieren:

Wir brauchen auch im sozialen Bereich noch mehr Ideen und die Kraft, diese umzusetzen.

Was heißt das? Wir können mit Innovation und Wissensvorsprung einen Weg finden, auch in der globalisierten Welt Arbeitsplätze bei uns vor Ort zu sichern. Und es gibt ja im Landkreis Reutlingen unternehmerische Erfolgsgeschichten im traditionellen Produktionsbereich, etwa im Maschinenbau, im Bio- und Medizintechnologiebereich, im Hochtechnologiebereich und auch und gerade im Handwerk. Aber das Verständnis von Arbeit wird ein anderes werden: Neue wissensgestärkte Berufe werden wenig qualifizierte Jobs weiter verdrängen und es wird mehr Dienstleistungen als industrielle Arbeit geben. Aber nicht jeder kann jedem die Haare schneiden und jeder jedem eine Pizza backen: Wir brauchen also auch weiterhin im Produktionsbereich Arbeitsplätze.

Aber der Kernpunkt ist, meine Damen und Herren, dass eine weitere Verschuldung weder auf kommunaler Ebene noch auf Landes- oder Bundesebene akzeptabel ist und dies auch nicht sein darf, weil die hohen Schulden schon jetzt die Zukunft unserer Kinder belasten. Keine Frage: Der Sozialstaat ist für mich eine Errungenschaft, auf die wir stolz sein können und um die es sich zu kämpfen lohnt. Aber der Sozialstaat, wie er sich heute darstellt, kann nicht mehr alles leisten, was wir von ihm erwarten. Wir haben es nicht geschafft, den Sozialstaat rechtzeitig auf die Bedingung einer alternden Gesellschaft und einer veränderten Arbeitswelt einzustellen. Wir müssen deshalb unsere Sozialpolitik auch auf örtlicher Ebene nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit gestalten und bei allen Entscheidungen immer auch die Auswirkung auf die zukünftigen Generationen berücksichtigen.

Damit müssen auch im Landkreis alle Besitzstände auf den Prüfstand. Wir alle müssen uns bewegen. Wer nur etwas vom anderen fordert – je nach Standort von den Arbeitgebern, von den Gewerkschaften, dem Staat, der Gemeinde, dem Landkreis – der bewegt gar nichts. Wir brauchen eine neue Balance von Eigenverantwortung und einer staatlichen Fürsorge. Dies ist nicht abstrakt, hier vor Ort wird es ganz konkret, denn dies betrifft unsere Arbeit im Landkreis Reutlingen angesichts der hohen Sozialausgaben im Sozial- und vor allem im Jugendhilfebereich in besonderem Maße. Wir brauchen deshalb ein gemeinsames Verständnis von Solidarität, Solidarität im Vertrauen auf das verantwortliche Handeln jedes Einzelnen für sich selbst und die Gemeinschaft. Solidarität verstanden als Hilfe für den Erwachsenen, den Jugendlichen, das Kind, dem die Kraft fehlt, sich selbst zu helfen und für sich selbst einzustehen. Solidarität verstanden aber auch als Rücksicht auf die kommenden Generationen. Dazu werden wir die Kraft brauchen, alte Denkmuster zu überwinden und uns vor Augen zu halten, dass Demokraten mehr Gemeinsames haben als Trennendes. Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft – jeder muss Verantwortung für das Wohl des Landkreises übernehmen; jeder kann und muss sich einbringen und einbinden lassen.

Lassen Sie mich einen letzten Gedanken formulieren:
Natürlich fallen Menschen mit Mut, Ideen und Verantwortungsbewusstsein nicht vom Himmel. Sie werden geprägt: in der Familie, der Schule, in ihrem Wohnviertel. Deshalb sind Bildung und Erziehung tatsächlich der Schlüssel. Bildung und Erziehung, das bedeutet, Kreativität zu fördern, Ideen zu wecken und Werte zu vermitteln. Das gelingt aber nur denen, die Vorbilder schaffen und Ideale auch selbst vorleben. Vielleicht ist die Zeit endlich reif für ein Wiederentdecken der Familie und der Vereine. Mit Sicherheit ist es wert, diese Entwicklung zu stärken und intensiv zu fördern.


Meine Damen und Herren,
ich räume ein: Auch ich habe auf die vielen offenen Fragen nicht bereits fix und fertige Antworten. Wichtig ist, dass wir gemeinsam nach Lösungen suchen.


Meinen Amtseid verstehe ich deshalb als Verpflichtung, meinen Teil hierzu beizutragen und zum Wohle des Landkreises und seiner Bürgerinnen und Bürger zu arbeiten. Als Landrat werde ich zuhören, hinschauen und auch hinterfragen. Ich bin überzeugt davon, wir können im Landkreis vieles möglich machen. In diesem Sinne freue ich mich auf eine enge und erfolgreiche Zusammenarbeit!
Vielen Dank!


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