Beirat Selbsthilfe der Inklusionskonferenz auf Berlinreise - CDU Bundestagsabgeordneter Michael Donth hatte eingeladen.
Eine politische Bildungsreise nach Berlin mit der Deutschen Bahn? Kein Problem? Mit Menschen mit Beeinträchtigungen? Mit Rollstühlen? Mit Gehörlosen? Geht das? Ganz einfach – war das nicht, wie Heike Goller-Lenz von der Geschäftsstelle Inklusionskonferenz berichtet.
Nicht einfach, aber machbar. Auch wenn die Sozialpädagogin immer einen Plan b, f oder auch z parat hatte. Allerdings mussten im Vorfeld jede Menge Fragen geklärt werden, um solch eine Reise zu planen. Wo können in Berlin Rollstuhlfahrer barrierefrei übernachten? Wie funktioniert der Transfer in der deutschen Kapitale?
Ein Bus mit Rollstuhl-Transportmöglichkeit war notwendig.
Wie kommen die Bildungsreisenden überhaupt nach Berlin? Mit Bus oder Zug? Welche Orte können ohne Hindernisse besichtigt werden? Wo gibt es ein Pflegehotel, wo Toiletten für Rollifahrer? Sind die auch tatsächlich erreichbar – oder vielleicht im Keller, berichtet Heike Goller-Lenz. Solche Dinge habe sie schon erlebt. Eine Dolmetscherin für Gebärdensprache musste mit, Assistenzkräfte.
Letztendlich hat alles funktioniert. Heike Goller-Lenz, die seit vielen Jahren den Beirat Selbsthilfe koordiniert, hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und die Reise in die Bundeshauptstadt in Absprache mit Jan-Philipp Scheu organisiert. Scheu arbeitet im Büro des Bundestagsabgeordneten Michael Donth und hat die politische Bildungsreise mit organisiert.
„Obwohl das nicht die erste Reise war, für die ich verantwortlich war, hatte ich anfangs schon ein mulmiges Gefühl, ob wirklich alles funktioniert“, so Scheu.
Doch was sollte Inhalt der Reise sein? Die Beiratsmitglieder brachten vorher eigene Wünsche ein, was sie in Berlin sehen und machen wollten. Weitere Ideen wurden vorgestellt, diskutiert, ausgeschlossen oder für gut befunden. So entstand ein umfangreiches Programm für 39 Menschen mit und ohne Behinderungen.
Ein Programm, das anspruchsvoll, informativ, beeindruckend, verwirrend und extrem bereichernd war, wie alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach vier vollgepackten Tagen betonten. Was sie besonders fasziniert hatte? Der Besuch des Bundestags im Reichstagsgebäude.
Auf Augenhöhe mit der Kuppel auf dem Reichstagsdach zu sein, den Blick über die größte bundesdeutsche Stadt schweifen zu lassen. Als Besucherin und Besucher im Bundestag den Ort zu sehen, den alle sonst nur aus dem Fernsehen kennen.
Teil des Programms war zudem ein Gespräch mit dem Reutlinger CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Donth, auf dessen Einladung die Reisenden nach Berlin kamen. „Ich habe die Gruppe von Beate Müller-Gemmeke übernommen“, so Donth. Die ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete hatte dem Beirat Selbsthilfe versprochen, die Reise zu organisieren – dann wurde jedoch die Bundestagswahl vorgezogen, Müller-Gemmeke kandidierte nicht mehr.
Besonders wichtig war den Mitgliedern des Beirats der Besuch der Mahnmale in Berlin. So etwa der beklemmend-bedrückende Gang und die Rollifahrt durch die 2711 unterschiedlich hohen Betonquader. Sie erinnern an die Ermordung der Juden in der Nazizeit. „Ich habe mich gefühlt wie ein Jude im Viehwaggon, so dicht auf dich“, so eine Äußerung.
Eine durchsichtige blaue Wand, ein Mahnmal für die getöteten Menschen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen, gehörte mit zum Programm. Der Bezug zu Reutlingen war hier sehr nah – die Gedenkstätte für die Opfer der „Aktion T4“ in Grafeneck liegt schließlich im eigenen Landkreis.
Eine Berliner Gruppe „Förderkreis Gedenkort T4“ berichtete über diese unfassbare Tötungsaktion, die nach dem Gebäude in der Berliner Tiergartenstraße 4 (Aktion T4) benannt wurde. Dort in der Hauptstadt wurde die industrielle Ermordung, die Euthanasie, von mehr als 400.000 Menschen geplant. Nach der damaligen „Rassenlehre“ hätten kranke, behinderte Menschen dem damaligen Staat nur Kosten verursacht.
Sie wurden als „lebensunwert“ abgestempelt. „Mit einem ‚Führererlass‘ hatte Hitler damals verfügt, dass den Menschen der ‚Gnadentod‘ gewährt wird“, erläuterte der Förderkreis. Den Mitgliedern aus dem Reutlinger Beirat Selbsthilfe war deutlich bewusst, dass sie damals ebenfalls ermordet worden wären.
Besonders erschütternd ist für sie zudem, dass heute wieder über die Kosten diskutiert wird, die behinderte Menschen verursachen. Dass diese Kosten gesenkt werden müssten. Dass das Behindertenteilhabegesetz (BTHG) eingeschränkt werden soll, wie Heike Goller-Lenz ausführt. „Heute wird wieder gerechnet.“ Markus Gräter aus dem Beirat Selbsthilfe sagte dazu: „Dabei ist doch jeder Mensch wertvoll.“
Wertvoll waren auch die Begegnungen der 39 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der „politischen Bildungsfahrt“ untereinander. Viel wurde gelacht, eine unglaubliche Vielfalt an Informationen aufgenommen und ausgetauscht. Bei den Besichtigungen, den gemeinsamen Essen kamen sich alle näher, lernten voneinander, erkannten die wertvolle Vielfalt im Gegenüber, so Susanne Blum als Leiterin der Geschäftsstelle Inklusionskonferenz.
Eine Busführung durch die Stadt Berlin zu all den Schlössern, Kirchen, Museen, historischen Gebäuden war bei dem Berlin-Trip ebenso faszinierend wie der Besuch der Landesvertretung Baden-Württemberg: „Die liegt zwischen Österreich und Indien“, sagte Michael Donth augenzwinkernd. Also zwischen den beiden Botschaften von Österreich und Indien.
Ein Empfang im Bundesministerium für Arbeit und Soziales folgte – dort konnte der Beirat Selbsthilfe ebenso seine Fragen und Belange anbringen wie beim Besuch im Bundestag bei Donth.
Damit war das Programm aber noch lange nicht abgeschlossen: Am letzten Tag der Reise stand eine Führung im Museum der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg an: Das Thema dort hieß „Alltag und Leben in der DDR“. Wiederum mit einer riesigen Vielzahl an Informationen.
Eine besondere Erfahrung der visuellen Art hatte zuvor hingegen die „East Side Gallery“ geboten – dort erstrecken sich einen Kilometer lang direkt an der Spree Reste der weltberühmten Mauer, die Ost- und Westdeutschland einst trennte. Heute zieren jede Menge gemalte Kunstwerke die Wände.
Die Rückfahrt nach Reutlingen erfolgte erneut per Zug – und schlussendlich hat auch mit der so heftig gescholtenen Deutschen Bahn alles funktioniert. Das Fazit nach dieser unglaublichen Reise lautete: „Wir haben viel gelernt in diesen Tagen.“
Das betonten nicht nur die Reisenden, sondern auch die Stadtführer vom Bundespresseamt Christine und Harald, aber auch Jan-Philipp Scheu – sie hatten die Reutlinger Gruppe vier Tage lang begleitet. Susanne Blum stimmte ebenfalls vollumfänglich zu, in einem Satz zusammengefasst sagte sie: „Unterschiede sind kein Problem, es geht alles – wenn man nur will“.