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Klimaneutrale verwaltung

Klimaneutralität bedeutet, dass die Emission von Treibhausgasen vermieden oder stark reduziert und kompensiert werden - denn Restemissionen sind nicht überall zu vermeiden. Die Klimaneutralität ist somit das Ziel von Klimaschutzbemühungen.

Baden-Württemberg hat die Klimaneutralität (genauer: Netto-Treibhausgasneutralität) bis 2040 gesetzlich beschlossen (§10 KlimaG BW) - das gilt somit auch für den gesamten Landkreis Reutlingen, für alle Verwaltungen, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger.  Nach dem Klimaschutz- und Klimaanpassungsgesetz Baden-Württemberg (§5 KlimaG BW) kommt den öffentlichen Einrichtungen und Verwaltungen dabei eine besondere Vorbildfunktion zu.

Zu dieser Verantwortung hat sich der Landkreis Reutlingen bereits vor dem Gesetzt bekannt: 
Mit dem Kreistagsbeschluss vom 20. Juli 2020 ist der Landkreis Reutlingen dem Klimaschutzpakt Baden-Württemberg mit dem Ziel, einer (weitgehend) klimaneutralen Verwaltung bis 2040 beigetreten.

Um Klimaneutralität zu erreichen müssen Energieverbräuche reduziert werden, zum Beispiel durch eine Erhöhung der Effizienz und der Einsparung vermeidbarer Verbräuche. Die verbleibenden Verbräuche müssen auf regenerative Energieträger umgestellt werden, um klimaschädliche endliche fossile Energieträger zu ersetzen. 

Die drei zentralen Handlungsfelder

Die Treibhausgasemissionen der Landkreisverwaltung entstammen aus drei Bereichen, und ergeben somit die wesentlichen Handlungsfelder auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2040: Gebäude und Energie, Mobilität und Beschaffung.

Gebäude und Energie
Der größte Anteil der jährlichen Treibhausgasemissionen entsteht durch den Betrieb der öffentlichen Liegenschaften, insbesondere durch die Strom- und Wärmeversorgung von Schul- und Verwaltungsgebäuden.

Die Landkreisverwaltung strebt dabei verschiedene Klimaschutzmaßnahmen an:

  • die Reduktion des Energiebedarfs durch:
    Sanierungen von bestehenden Gebäuden (Dämmung, LED)
    Neubau von energieeffizienten Gebäuden, wenn Sanierungen beispielsweise unwirtschaftlich oder nicht möglich sind
  • die schrittweise Umstellung der Energiequellen von fossile auf erneuerbare, zum Beispiel durch
    den Bezug von Ökostrom
    den Anschluss an Nahwärmenetze, wo möglich und sinnvoll
    die Installation von Wärmepumpen, Pellet- oder Holzkesseln
  • der Ausbau eigener Erzeugung von erneuerbaren Energien (beispielsweise Photovoltaikstrom und Biomasse)

Mobilität
Der zweitgrößte Emissionsanteil entsteht im Bereich der Mobilität durch den landratsamtseigenen Fuhrpark sowie Dienstreisen.

Wichtige Maßnahmen in diesem Bereich sind:

  • die schrittweise Umstellung des Fuhrparks auf emissionsfreie Antriebe, insbesondere Elektromobilität
  • die Förderung der Nutzung klimafreundlicher Mobilitätsformen von Mitarbeitenden, wie Rad-, Fuß- und öffentlicher Nahverkehr (ÖPNV) zum Beispiel durch Anreize wie Zuschüsse für das Deutschlandticket.

Beschaffung und Nutzerverhalten
Ein Teil der Emissionen entstammt dem Beschaffen und Nutzen von Produkten und Dienstleistungen im Rahmen der Landratsarbeit und dem allgemeinen Verhalten der Mitarbeitenden.

Wichtig sind Sensibilisierungsmaßnahmen und Vorgaben für:

  • ein ressourcenschonendes Mitarbeiterverhalten durch zum Beispiel Energiesparen am Arbeitsplatz, Reduktion des Papierverbrauchs, Besuch beziehungsweise Organisation von Online- anstelle von Präsenzveranstaltungen
  • eine Stärkung der Nutzung klimafreundlicher Produkte und Dienstleistungen, zum Beispiel durch die Einführung des Nachhaltigkeits- und Klima-Check oder Beschaffungsrichtlinien.

Energie- und Treibhausgasbilanz der Verwaltung

Eine Bilanzierung der anfallenden Treibhausgasemissionen erlaubt einen Überblick über jahresaktuelle Emissionen. Für die Verwaltung liegen vollständige Energie- und Treibhausgasbilanzen für die Jahre 2020, 2023 und 2024 vor. Anhand dieser können Entwicklungen sichtbar gemacht und passgenaue Strategien und Maßnahmen zur Erreichung der Klimaneutralität entwickelt, überwacht und angepasst werden. 

Seit der ersten Erfassung 2006 sind die Treibhausgasemissionen der Landkreisverwaltung um knapp 40 Prozent gesunken - von 5.913 auf 3.632 Tonnen pro Jahr. Trotz deutlich steigender Mitarbeiterzahlen wurden Emissionseinsparungen im Wärme- und Strombereich erzielt, wohingegen die Mobilitätsemissionen gestiegen sind. Auf pro Kopf Emissionen umgerechnet, sanken seit 2006 die Emissionen um über zweidrittel, von 8,02 Tonnen auf heutige 2,48 Tonnen pro Jahr und Mitarbeitenden. 

Die Emissionsrückgänge sind hauptsächlich auf eine deutliche Änderung der verwendeten Energieträger, aber auch die Reduktion des Energiebedarfs zurückzuführen:
Seit 2020 wird zu 100 Prozent zertifizierter klimafreundlicher Ökostrom bezogen und dieser durch Strom aus eigenen Photovoltaik (PV) -Anlagen ergänzt, während im Wärmebereich Erdgas zu großen Teilen durch den Bezug von Fernwärme und die Umstellung auf Biomasse (Holz) ersetzt wurde. Diese Entwicklung wird mit dem neuen Landratsamtsgebäude - mit eigener großen Photovoltaik (PV) -Anlage und Geothermie-Wärmepumpen - nochmals deutlich verstärkt werden. Besonders da dadurch energetisch ineffizienten und teilweise mit Erdgas und Heizöl beheizten Gebäuden, die aktuell noch in Nutzung sind, wegfallen werden. 

Übrigens - auch wenn es in die Bilanz der Verwaltung nicht mitaufgenommen wird - wurde 2024 von den Straßenmeistereien genug klimafreundliche Holzhackschnitzel aus Straßenbegleitgrün hergestellt und verkauft, um die allgemeinen Emissionen um etwa 518 Tonnen zu senken.

Projekte

Ein zu hoher und damit kostspieliger Sanierungsbedarf der kaufmännische Schule Bad Urach, machte den Weg für einen Abriss mit Neubau als wirtschaftlichste Variante frei.

Der Neubau wurde 2010 als zertifiziertes Passivhaus nach Darmstädter Standard mit einem geplanten Wärmeverbrauch von unter 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr gebaut. Die neue Georg-Goldstein-Schule wurde somit zum „Modellvorhaben zum energieeffizienten Neubau von Nichtwohngebäuden kommunaler und sozialer Einrichtungen“ - als eines von 16 Modellvorhaben bundesweit die über drei Jahre wissenschaftlich begleitet wurden.

Die dreijährige Begleitforschung und Evaluation wurde durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) durchgeführt mit dem Ziel beispielhafte Planungen in der Umsetzung sowie in der Nutzungsphase zu erproben. Für die Teilnahme hat der Landkreis Reutlingen einen besonders günstigen Kredit der KfW-Bankengruppe für einen Teil der Baukosten erhalten.

Erkenntnisse des Modellvorhabens dienten der wissenschaftlichen Vorbereitung zur Anwendung der EU-Gebäuderichtlinie, die für Neubauten öffentlicher Gebäude ab 2019 einen Niedrigstenergiegebäude-Standard vorgibt. Der Landkreis Reutlingen gewann zudem Erkenntnisse für eigene, zukünftige Bauvorhaben.

2014 wurde die Georg-Goldstein-Schule mit dem Label „Good Practice Energieeffizienz“ der Deutschen Energie-Agentur (dena) in der Kategorie „Gebäudebezogene Projekte“ ausgezeichnet.

2024 wurde das Gebäudedach mit einer 99,98 Kilowatt-Peak (kWp) Photovoltaikanlage nachgerüstet, welche Ende 2024 erfolgreich in Betrieb genommen wurde. Nach ersten Zahlen von 2025 wäre die Anlage theoretisch dazu in der Lage den Stromverbrauch der Schule zu über 60 Prozent zu decken. Tatsächlich wurde 30 Prozent des Bedarfs durch die Photovoltaik-Anlage gedeckt und der Rest aus dem Stromnetz bezogen. Die Photovoltaik-Anlage hat knapp die Hälfte ihres produzierten Stroms an die Schule und den Rest ins Netz gespeist.

Im September 2018 wurde der Neubau der Straßenmeisterei in Münsingen fertig gestellt und dient seitdem als Modellprojekt für Funktionalität, Effizienz und Kohlenstoffdioxid (CO2) -neutrale Gebäude. Es wurde schon von zahlreichen regionalen und überregionalen Besuchern angeschaut.

Das Besondere:

  • die Wärmeversorgung erfolgt über eine moderne Holzhackschnitzelanlage. Die Hackschnitzel werden aus Straßenbegleitgrün direkt vor Ort an der Straßenmeisterei hergestellt und übertreffen den eigenen Bedarf dabei um das Vielfache
  • seit 2021 produziert eine Dach-Photovoltaikanlage der eena auf dem Gebäude große Mengen Strom (299,7 Kilowatt-Peak). Auch hier übertrifft die Produktion den Bedarf des Gebäudes um ein Vielfaches. Der Überschuss wird ins Netz gespießt.
  • das Gebäudeholz stammt ausschließlich aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern
  • Beton-Bauteile enthalten teilweise Recyclingbeton
  • eine große Zisterne unter dem Betriebsgebäude sammelt Regenwasser, das zur Fahrzeugwäsche und der Herstellung der im Winter verwendeten Salzsole dient
  • Mitarbeitende wurden von Anfang an in die Planungen und Verhandlungsgespräche eng eingebunden, so dass alle sich gemeinsam auf „Ihren“ Neubau freuen.

Der Kreistag hat im Mai 2017 beschlossen, die Gebäude im Beruflichen Schulzentrum Reutlingen sowie die Verwaltungsgebäude Bismarckstraße 14/16 und St.-Wolfgang-Straße 13/15 in Reutlingen an die Fernwärmeversorgung der FairEnergie GmbH Reutlingen anzuschließen. Die Maßnahme war sowohl aus ökonomischer als auch ökologischer Sicht kurz- und langfristig vorteilhaft und ist dem Landratsamt bis heute von nutzen. Zwar vielen die einmaligen Anschlusskosten an die Fernwärme durch zwingend erforderliche Bauleistungen höher aus, als zuvor angenommen, jedoch wären diese Mehrkosten auch beim alternativ möglichen Eigenbetrieb mit Sanierung des Heizwerks angefallen, welches jedoch zusätzlich höhere laufende Kosten verursachen würde.

Die Umstellung auf Fernwärme war einer der ersten und bis heute wichtigsten Maßnahmen des Landratsamtes zur Umstellung seiner verwendeten Energieträger. Der nun verlässlich durch Fernwärme versorgte Bedarf der betroffenen Gebäude macht zudem knapp die Hälfte des gesamten Wärmeenergiebedarfs des Landratsamtes aus.

Fernwärme schont Ressourcen und entlastet die Umwelt und das Klima. Die nach wie vor durch diese Maßnahme jährlich vermiedenen Emissionen lagen allein 2024 bei etwa 500 Tonnen Kohlenstoffdioxid-Äquivalente (CO2 -Äq). Dieser jährliche Effekt wird voraussichtlich mit den Bemühungen der FairEnergie GmbH Reutlingen hin zur eigenen Klimaneutralität in den kommenden Jahren nochmals deutlich zunehmen.

Am 1. Januar 2020 wurde der Strombezug der Kreiskliniken, der Klinik für Psychatrie (PP.rt) sowie der Verwaltungsgebäude und Schulen des Landkreises Reutlingen auf 100 Prozent zertifizierten Ökostrom mit Label umgestellt. Dies wurde im Rahmen einer gemeinsamen Ausschreibung durch den Landkreis Reutlingen initiiert.

Dadurch werden allein in den Verwaltungsgebäuden und Schulen des Landkreises rund 333 Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) -Emissionen pro Jahr vermieden.

Tipp: Ökostrom ist nicht gleich Ökostrom. Zum Beispiel Ökostrom der Label ok power oder TÜV Süd stammt zu mehr als einem Drittel aus Erneuerbaren Energien (EE) -Anlagen, die jünger als sechs Jahre sind. Anbieter mit Grüner Strom Label müssen feste Förderbeiträge in neue Anlagen investieren und der Label-Mix ist streng reguliert. Damit kommen die Labels der Verpflichtung nach, kontinuierlich in den Ausbau der erneuerbaren Energien zu reinvestieren und diesen somit voranzutreiben.

Welche Auswirkung haben Kreistagsentscheidungen auf Nachhaltigkeit und Klima?
Diese Frage wird seit Herbst 2025 in den Beschlussvorlagen der Gremien beantwortet.

Dafür hat das Projektteam Nachhaltigkeit zusammen mit dem Beauftragten für eine klimaneutrale Kommunalverwaltung zwei Tools entwickelt: den Nachhaltigkeits-Check mit integriertem Klima-Check.

Dadurch können die politischen Entscheidungsträger die wahrscheinlichen Auswirkungen der jeweiligen Vorhaben auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Kreisverwaltung, den Klimaschutz und die Kreislaufwirtschaft einfacher einordnen.
Intern soll es Verwaltungsmitarbeitende dazu motivieren, Nachhaltigkeit und Klimaschutz von Beginn eines Vorhabens an mitzudenken.

Der Neubau wird ein BEG 40 EE Gebäude (Energiestandard für Wohngebäude der Bundesförderung für effiziente Gebäude). Es verbraucht nur 40 Prozent der Energie eines Standard-Referenzgebäudes und hat mit eigener großer Photovoltaik-Anlage und Geothermie-Wärmepumpen, welche den Wärmebedarf und einen Teil des Strombedarfs des Gebäudes nachhaltig decken sollen, einen sehr hohen Erneuerbare-Energien Anteil. 

Fast die gesamte Dachfläche wurde für eine Photovoltaik-Anlage verwendet, wodurch sich eine erwartete Leistung von 470 Kilowatt-Peak, also einer durchschnittlichen Stromerzeugung von etwa 470.000 Kilowattstunden pro Jahr ergibt. Das entspricht einer Verdopplung des auf Landratsamt Gebäuden produzierten Photovoltaik Stroms. 

Da durch den Umzug in den Neubau energetisch ineffiziente und teilweise mit Erdgas und Heizöl beheizte Gebäuden verlassen werden, ist damit zu rechnen, dass sich die Menge an verwendeten fossilen Energieträgern des gesamten Landratsamtes signifikant reduzieren wird. So wird erwartet, dass sich der gesamte Erdgas- und Heizölbezug um etwa 44 Prozent und der bisher noch auf Erdgas basierende Fernwärmebezug um 17 Prozent reduzieren wird. Ebenfalls wird mit einer jährlichen Energieeinsparung von über 2.400.000 Kilowattstunden gerechnet.

Viele der Gebäude die verlassen werden befinden sich nicht in Besitz des Landratsamtes, sondern sind lediglich gemietet. Dadurch hat das Landratsamt nur bedingt Einfluss auf deren Zustand und ein Neubau ist auf lange Sicht die sinnvollste Alternative zur Verringerung der jährlichen Treibhausgasemissionen. 

So kann für Jahr 2027 mit einer Reduktion der Treibhausgasemissionen um über 610 Tonnen pro Jahr gerechnet werden. Es ist zudem anzunehmen, dass die Menge der eingesparten jährlichen Treibhausgasemissionen mit der Zeit zunimmt.

Des Weiteren finden mit dem Umzug weitere Maßnahmen zur Umstellung des Fuhrparks und der für Dienstreisen verwendeten Fahrzeuge hin zu klimaneutraleren Fahrzeugen statt. Ebenfalls sollte die Menge an absolvierten Dienstreisen durch das Zusammenlegen der Abteilungen an einen Ort allgemein reduziert werden.