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mittelwaldprojekt

Was ist ein Mittelwald?

Ein Mittelwald entsteht durch eine besondere Form der Waldbewirtschaftung, die sich seit dem 13. Jahrhundert entwickelte. Damals waren die Wälder vielerorts übernutzt, und es fehlten wichtige Rohstoffe. Der Mittelwald bot dafür eine hervorragende Lösung: Auf ein und derselben Fläche wurden zwei unterschiedliche Bewirtschaftungsstrategien kombiniert, die alle Bedürfnisse befriedigen konnte, ohne den Wald weiterhin auszubeuten, und gut zu kontrollieren war. Bis in das 19. Jahrhundert hinein waren Mittelwälder weit verbreitet. Danach wurden sie mehr und mehr durch die wirtschaftlich attraktivere und forstlich angesehenere Hochwaldwirtschaft verdrängt. Viele Eichen-Hainbuchen-Wälder, die heute in unseren Wäldern zu finden sind, gehen auf eine jahrhundertelange Bewirtschaftung als Mittelwald zurück. Aus verschiedenen Gründen zieht die Mittelwaldbewirtschaftung heute wieder zunehmend Aufmerksamkeit auf sich.

Die Karte zeigt eine Übersicht der Waldungen der Gemeinde Riederich mit verschiedenen eingezeichneten Bezirken und einem Tabellenausschnitt.
© Kreisforstamt, Alle Rechte vorbehalten

Historische Schlagfolge des Mittelwaldbetriebes der Gemeinde Riederich aus dem Jahre 1881. Die Jahreszahlen in den Schlagflächen bezeichnen die geplanten Eingriffe zwischen 1890 und 1909. Aus dem Revierbuch von 1903 geht jedoch die Umstellung der Waldbewirtschaftung von der Mittelwaldwirtschaft hin zu einem Hochwaldbetrieb hervor.  

Wie funktioniert ein Mittelwald?

Im Mittelwald wächst im Unterstand eine gleichaltrige, dichte Schicht aus stockausschlagsfähigen Baumarten wie die Hainbuche oder die Linde. Dieser Unterstand hat eine relativ kurze Umtriebszeit von beispielsweise 30 Jahren. Das bedeutet, dass alle 30 Jahre bis auf wenige vitale Bäume sämtliches Holz geerntet wird. Die Besonderheit ist, dass das nicht auf der gesamten Mittelwaldfläche gleichzeitig passiert. Die Fläche wird stattdessen in 30 kleine Parzellen, sogenannte Schläge, eingeteilt. Jedes Jahr wird in einem dieser Schläge ein Mittelwaldhieb durchgeführt. Der Mittelwaldhieb „wandert“ also über die Fläche. Dies ermöglicht eine sehr kontinuierliche Versorgung mit Brennholz. Aus dem Unterstand gewannen die Menschen früher aber auch Kohlholz, Flechtmaterial und Rinde für die Gerberei.

Über diesem Unterstand stehen gleichzeitig verschieden alte, teilweise sehr starke und breitkronige Eichen. Alle 30 Jahre werden auch einige wenige dieser bis zu 200 Jahre alten Eichen geerntet und zu wertvollem Bauholz, Fassholz oder auch Schreinerholz verarbeitet. Damit in diesen schattenspendenden Oberstand immer auch schöne neue Eichen oder auch andere Baumarten  zuwachsen, verbleiben bei einem Mittelwaldhieb immer auch einige schöne Nachwuchsbäume auf der Fläche - sogenannte Lassreitel. 

Was macht den Mittelwald so besonders?

Aus naturschutzfachlicher Sicht sind Mittelwälder besonders wertvoll. Durch das Weiterwandern der Schläge entsteht ein buntes Mosaik aus Flächen in verschiedenen Entwicklungsstufen und dadurch unterschiedlichen Licht- und Wärmeverhältnissen. Diese abwechslungsreichen Strukturen bieten einen Lebensraum für zahlreiche spezialisierte, licht- und wärmeliebende Arten – darunter seltene Käfer, Falter und Schmetterlinge wie der Silberfleck-Perlmuttfalter (Boloria euphrosyne) oder das Sechsfleck-Widderchen (Zygaena filipendulae) . Deshalb besteht heute ein großes Interesse daran, Mittelwälder wiederzubeleben, auch wenn sie keine „natürlichen“ Wälder sind, sondern auf regelmäßige Pflege und Nutzung angewiesen sind.

Ein orange-schwarz gemusterter Schmetterling sitzt mit ausgebreiteten Flügeln auf einer grünen Pflanze.
Ein orange-brauner Schmetterling sitzt auf einer hellrosa Blüte, umgeben von grünem Laub.
Zwei schwarz-roter Schmetterlinge sitzten auf einer Pflanze, vor einem verschwommenen grünen Hintergrund.
Ein Schmetterling mit orange-braun gemusterten Flügeln sitzt auf einer lilafarbenen Blume.
Ein orange-brauner Schmetterling sitzt auf einer lila Blume, umgeben von unscharfem grünem Hintergrund.

In der Bildergalerie sehen Sie ein Silberfleck-Perlmuttfalter (Bild 1), ein Weißbindiges Wiesenvögelchen (Bild 2), ein Sechsfleck-Widderchen (Bild 3), Gelbwürfeliger Dickkopffalter (Bild 4) und einen Baldrianscheckenfalter (Bild 5).

Neben der hohen Bedeutung für den Artenschutz bietet ein Mittelwald viele weitere Vorteile: Durch ihre parkartige, lichte Struktur und alten, mächtigen Baumexemplaren entstehen attraktive Waldbilder für Waldbesucherinnen und -besucher. Als „lebendiges Museum“ und Waldkulturerbe machen Mittelwälder eine historische Landnutzungsform edarrlebbar und sind spannende Lernorte für Waldpädagogik und Umweltbildung. Gleichzeitig versorgen sie die Gesellschaft kontinuierlich mit einem regenerativen Brennstoff und wertvollem Eichenstammholz. Im Klimawandel könnten Mittelwälder zudem durch ihre Vielfalt und Regenerationsfähigkeit besonders widerstandsfähig sein.

Was passiert auf der Projektfläche in Metzingen?

Die Projektfläche im Metzinger Stadtwald bei der "Alten Mark" ist ungefähr 30 Hektar groß. Ein großer Teil der Projektfläche besteht aus jungen Eichenbeständen. Diese sind nach den Sturmereignissen "Wiebke" (1990) und "Lothar" (1999) angepflanzt worden, um die damals zerstörten Waldflächen wieder aufzuforsten. Zusätzlich werden noch etwa fünf Hektar Wald mit älteren Eichen in das Projekt einbezogen, damit die Fläche besser zusammenhängend bewirtschaftet werden kann. Die Projektfläche wird in 30 gleich große Schlagflächen eingeteilt, die jeweils rund ein Hektar groß sind.

Ein dichter Wald mit kahlen Bäumen, deren Boden mit herabgefallenen Blättern bedeckt ist.
© Charlotte Müller, Alle Rechte vorbehalten

Ausgangssituation im Winter 2024/2025 in der zweiten Schlagfläche: Junge Eichenbestände

Die Aufnahme zeigt einen lichten Wald mit hohen, schlanken Bäumen unter einem blauen Himmel mit vereinzelten Wolken.
© Charlotte Müller, Alle Rechte vorbehalten

Die erste Schlagfläche im Sommer 2024, einige Wochen zuvor erfolgte der erste Mittelwaldhieb.

Wie oben  beschrieben, erfolgt der Mittelwaldhieb turnusgemäß jährlich auf einer Schlagfläche und "wandert" über die gesamte Projektfläche. In den Schlagflächen, die erst später an der Reihe sind, sind Vorbereitungsmaßnahmen notwendig. Die späteren Lassreitel müssen auf ihre Freistellung vorbereitet werden, indem immer wieder bedrängende Bäume entnommen werden. Das ist auch deshalb wichtig, damit die Eichen nicht immer weiter in die Höhe wachsen, sondern anfangen, eine tief ansetzende und breite Krone ausbilden. Nach den Mittelwaldschlägen sind oft weitere Maßnahmen erforderlich. Wenn der Wildverbiss zu stark ist, muss die Fläche eingezäunt werden. Damit junge Bäume nachwachsen, muss verdämmende Begleitvegetation wie Brombeere entfernt werden. Manchmal müssen ergänzend auch Bäumchen nachgepflanzt werden.

Die Neuanlage eines Mittelwaldes in jungen, ungefähr gleichaltrigen Beständen ohne Mittelwaldtradition stellt in Deutschland ein Novum dar. Daher ist es besonders spannend, zu beobachten, welche Auswirkungen sich auf Natur und Biodiversität einstellen werden und wie der Wald reagiert. Die wissenschaftliche Begleitung durch die Forstliche Versuchsanstalt Freiburg (FVA) und die Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg (HFR) bildet deshalb einen festen Bestandteil des Projekts.

Das Bild zeigt das Logo der Stadt Metzingen mit stilisierten Umrissen von Häusern und dem Schriftzug "Stadt Metzingen" in Blau.
Das Bild zeigt das Logo der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg mit den Initialen FVA in grüner Schrift.