Landkreis aktuell

Einladung 100 Jahre Frauenwahlrecht


„Die Volksvertretung muß in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl von allen reichsdeutschen Männern und Frauen nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt werden.“ Mit diesem Satz im Artikel 17 der Weimarer Verfassung bekamen die Frauen in Deutschland erstmals das verfassungsmäßige Wahlrecht zugesprochen.

Der Ausschluss von Frauen aus offiziellen politischen Sphären basierte auf einer Familienideologie, die als ein „Konzept der Geschlechtscharaktere“ bekannt ist. Die polare Rollenverteilung beschränkte die Frau auf Haus und Kindererziehung, wohingegen der Mann Anteil an Berufswelt, Politik und öffentlicher Kultur nahm. Dies hatte auch zur Folge, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts Frauen keine gleichwertigen Bildungschancen hatten.
Die Frauenbewegung, die seit dem 19. Jahrhundert für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern eintrat, war deshalb schon immer auch eine Bildungsbewegung. Nur mit gleichwertiger Bildung konnten Männer und Frauen auf Augenhöhe miteinander diskutieren. Mit dem Zugang zu Abitur und Hochschulstudium zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde diese Ungleichheit ein Stück weit abgebaut.
Während die Männer im Ersten Weltkrieg an der Front kämpften, mussten die Frauen daheim „ihren Mann stehen“. Sie arbeiteten im Lazarettdienst, Munitionsfabriken und allen bedeutenden Produktionszweigen, wo Männer fehlten. Die Frau war zu diesem Zeitpunkt von zentraler volkswirtschaftlicher Bedeutung geworden. So erkämpften sie sich ihre Stellung in der Gesellschaft. An der Gründung der Weimarer Republik waren zahlreiche Kräfte beteiligt, die für den Anspruch der Frauen auf das Wahlrecht eintraten, so dass Frauen bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 erstmals an die Wahlurnen treten durften.
 
Die öffentliche Veranstaltung mit den halbstündigen Impulsvorträgen findet am Montag, 3. Dezember, um 18:30 Uhr im Großen Sitzungssaal des Landratsamts Reutlingen in der Bismarckstraße 47 statt.
Er wird vom Kreisarchiv und der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises organisiert und thematisiert insbesondere den Weg zum Wahlrecht und die Folgen. Dabei wird ein Bogen gespannt, der vom Frauenbild des späten Kaiserreichs bis zu den ersten Politikerinnen reicht.
 
Ende der Kostümierung! 100 Jahre Frauenwahlrecht
Die Kulturwissenschaftlerin Kerstin Hopfensitz zieht die Mode als Seismograph für gesellschaftliche Veränderungsprozesse heran.
Mit dem Ausstieg aus dem Korsett und dem Abschneiden der Zöpfe befreiten sich Frauen vom Modediktat des Kaiserreichs und gewannen die physische Bewegungsfreiheit, die von vielen als wesentliche Grundvoraussetzung für die Emanzipation
gesehen wurde.
In der erhitzten Debatte um das Frauenwahlrecht führten die Männer, aber auch Frauen, die Mode als Beleg dafür ins Feld, dass Frauen das Wahlrecht unbedingt abzusprechen sei.
 
Laura Schradin (1878-1937): Lebensweg einer ungewöhnlichen Reutlinger Bürgerin
Hildegunde Haist-Huber, pensionierte Schulleiterin (2007-2018) der Laura-Schradin-Schule, widmet sich dem Leben der berühmten Reutlingerin.
Aufgewachsen in einer einfachen Familie, die von Weinbau und Heimarbeit für die Reutlinger Textilindustrie lebt, entwickelt sich Laura Schradin zu einer Frau mit politischem Weitblick und sozialem Gewissen. Sie tritt für ihre politischen Überzeugungen ein, sucht bewusst die Öffentlichkeit und kämpft insbesondere für die Rechte von Frauen. Als Abgeordnete der verfassungsgebenden Landesversammlung 1919 und Mitglied des Reutlinger Gemeinderates bis 1925 übernimmt sie Verantwortung.
 
Das Wahlrecht für Frauen und die Folgen
Die Literaturwissenschaftlerin und Frauenforscherin Dr. Mascha Riepl-Schmidt spricht als dritte Vortragende des Abends über den eigentlichen Gegenstand des Jubiläums: Das Frauenwahlrecht.
Zum 100. Jahrestag des Erringens des Frauenwahlrechts sollen nicht nur die zeitgenössischen politischen Zusammenhänge, sondern vor allem auch die ersten weiblichen Landtagsabgeordneten Badens und Württembergs vorgestellt werden.
Diese „Ersten“, die so unerschrocken, demütig und oft nicht ganz ernst genommen ihre neue demokratische Aufgabe erfüllten, sind trotz ihres ungewöhnlichen Engagements lange Zeit nicht dokumentiert und historisch nicht einmal in Frauenzusammenhängen überliefert worden.
Ihr „Sitzen zwischen den Stühlen“ innerhalb dieses vernachlässigten Kapitels einer emanzipatorischen Frauengeschichte wird Thema der Ausführung des Vortrags sein.
 
Podiumsdiskussion mit den Referentinnen
Im Anschluss an die Impulsvorträge können Fragen an die Referentinnen gestellt werden. In der Diskussionsrunde mit den Referentinnen wird schließlich eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschlagen: Was können wir aus der Vergangenheit lernen? Wie ist die Situation heute und wo herrschen noch Ungleichheiten, die auf das Frauenbild des Kaiserreichs zurückgehen?
 
Der Landkreis Reutlingen lädt im Anschluss alle Gäste bei einem Stehempfang zum weiteren Austausch ein.
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