Landkreis aktuell

„Politik darf nicht nur Männersache sein“: Frauen im Reutlinger Kreistag


Obwohl jede dieser Frauen sich in unterschiedlichen Bereich engagierte, hatten sie eines gemeinsam: Sie waren sich ihrer Vorreiterrolle in einer sonst von Männern dominierten politischen Landschaft bewusst, nahmen diese sehr ernst und konnten sich sowohl mit ihrem Durchhaltevermögen als auch ihrer Leidenschaft, Respekt und Anerkennung verschaffen.

Laura Schradin
 
Den Startpunkt dieser Entwicklung markiert Laura Schradin, die als erste weibliche Abgeordnete der Amtsversammlung Reutlingen – dem Vorgängergremium des Kreistags – angesehen werden kann. Bereits schon am Ende des 19. Jahrhunderts setzte sie sich für die Mädchenbildung und das Frauenwahlrecht ein und prägte somit wie kaum jemand anderes die Phase des Kampfes um die Etablierung des Frauenwahlrechts und der politischen Teilhabe von Frauen.

Sie gehörte im Jahr 1919 zu den wenigen weiblichen Mitgliedern der Verfassungsgebenden Landesversammlung des freien Volksstaates Württemberg: Am 13. Januar wurde sie als eine von 13 weiblichen Abgeordneten gewählt. Sie war dort sowohl im SPD-Fraktionsvorstand als auch in etlichen Ausschüssen aktiv, wie etwa dem Volksschulausschuss und dem Volkswirtschaftlichen Ausschuss. Zusätzlich wurde sie im November 1919 sowie im Dezember 1922 durch den Gemeinderat Reutlingen – dem sie von 1919 bis 1925 angehörte – jeweils für 3 Jahre als eine von mehreren Stellvertretern der Mitglieder der Amtsversammlung Reutlingen gewählt: So vertrat sie nach Ausweis der Amtsversammlungsprotokolle am 27. März 1923 den Reutlinger Delegierten und Fraktionskollegen Eugen Weit sowie am 3. Juli 1924 Jakob Kurz.
Lisel Zweigle
 
1946, nach der ersten überörtlichen freien und geheimen Wahl der Nachkriegszeit, zog als erste demokratisch gewählte Frau die Zahnärztin Hedwig Müller in den Reutlinger Kreistag ein. Später folgten ihr die Kämpfernatur Lisel Zweigle, Gertrud Pfeilsticker, die für ihre Tätigkeiten die Bürgermedaille der Stadt Bad Urach in Gold verliehen bekommen hat, als auch Carola Klenk, der „Engel der Witwen und Waisen“, wie sie von Medien getauft wurde.

In den siebziger Jahren stieg die Anzahl der Frauen, die dem Kreistag angehörten: die Gründerin des „Deutschen Arbeitskreises für Konzentrative Bewegungstherapie“ (DAKBT) Dr. med. Ursula Kost, Waltraut Lumpp aus Wannweil, die als erste Kreisaltenpflegerin bundesweit Pionierarbeit leistete, Margita Gudrun Hahn, die mit ihrer „ausgeflippten Art“ das Vertrauen der Jugendlichen gewinnen konnte, Dora König aus Eningen, die „ihren Mann“ im Kreistag stehen wollte, Gisela Breusch, für die eine starke Persönlichkeit und ein selbstbestimmtes Handeln in der Politik obligatorisch war, sowie die Susanne Hubberten, die von Utta Goerlich den passenden Spitznamen „Mutter der Tagesmütter“ bekam.

Auszeichnungen von Lisel Zweigle
 
Für ein „glänzenden“ Moment in der Ausstellung sorgen die verschiedenen Ehrungen der Lisel Zweigle: Neben der Bürgermedaille in Gold, die sie für ihre Verdienste im Reutlinger Gemeinderat erhielt, zeichnete man sie für ihre Mitwirkung im Reutlinger Kreistag mit der Landkreismedaille in Bronze für 25 Jahre Zugehörigkeit im Kreistag aus – sie war die erste Frau in Baden-Württemberg, der diese Ehre zuteil wurde. Außerdem erhielt für ihr kommunalpolitisches Engagement das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Lisel Zweigle, „eine leidenschaftliche Streiterin mit Herz, Leib und Seele“, so Oberbürgermeister Dr. Manfred Oechsle, kämpfte mit erheblicher Beharrlichkeit für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Älteren, Kranken und Bedürftigen. Gefürchtet waren ihre Zwischenrufe in den Sitzungen, denn sie waren treffsicher und ehrlich. Selbst gegen einen Oberbürgermeister konnte sie sich aufgrund ihrer Kämpfernatur und ihrem starken Willen durchsetzen.
 
Für Interessierte ist die Ausstellung im Hauptgebäude des Landratsamtes Reutlingen (Bismarckstraße 47, 72764 Reutlingen) zu den regulären Öffnungszeiten zugänglich.

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