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Viel Organisation und Vertrauen nötig - Mitglieder des Beirats Selbsthilfe stellen sich vor

Pressemitteilungen

Zeitgleich mit der Inklusionskonferenz des Landkreises Reutlingen wurde 2013 der Beirat Selbsthilfe ins Leben gerufen. Im dritten Teil der vierteiligen Serie stellt sich Simone Degler-Wahl vor.

Simone Degler-Wahl ist eine sehr beeindruckende Person: 1969 geboren, wohnt sie heute in Steinhilben und fährt jeden Arbeitstag mit den Öffentlichen über Reutlingen nach Stuttgart und wieder zurück. Jeden Morgen steht sie um vier Uhr auf. 

Das allein ist schon eine ziemliche Leistung – aber es kommt hinzu, dass Degler-Wahl von Geburt an blind ist. Wie sie sich orientiert, wie sie ihre Wege findet, ihren Bus, den richtigen Bahnsteig, Kreuzungen überquert – sehende Menschen können sich nicht vorstellen, wie das überhaupt funktionieren kann. 

„Ich muss halt oft fragen“, sagt die 56-Jährige, die sich im Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg engagiert. Obendrein ist sie im Beirat Selbsthilfe der Inklusionskonferenz (IK) des Landkreises und bei der Stadt Reutlingen im Behindertenbereich aktiv. 

Mit der Orientierung in fremdem Umfeld wurde es deutlich leichter, seitdem es sprechende Navigationssysteme auf Smartphones gibt. Hilfreich sei zudem eine Vielzahl an „sprechenden“ Apps, etwa eine, die Geldscheine erkennt. Oder eine, die Farben erkennt – was nicht ganz unwichtig ist, wenn man sich morgens anzieht. Man fragt sich: Was geht im Kopf einer blinden Person vor sich, wenn sie noch nie Farben gesehen hat? Allerdings haben blinde Menschen mit noch ganz anderen Problemen zu kämpfen: In ihrem Haushalt müssen sie extrem auf Ordnung achten – schließlich sehen sie ja nicht, wo was steht oder liegt. Und generell müssen sie deutlich besser organisiert sein als Sehende. Umsteighilfen etwa bei der Bahn müssen mindestens einen Tag vor der Fahrt bestellt werden. 

Und wie kauft sie ein, für ihren selbständigen Ein-Personen-Haushalt? „In Steinhilben gibt es keinen Supermarkt, also bestelle ich per Lieferservice – aber das dauert ein paar Tage“, sagt Degler-Wahl. Da muss also auch alles bestens durchgeplant sein. Und wenn sie selbst mal einkaufen geht? „Dann frage ich an der Kasse, ob mir jemand helfen kann.“ Klar. Wie sonst soll die 56-Jährige alles finden? 

Organisation ist also alles. Aber auch Vertrauen. Wie Sehende fühlt Simone Degler-Wahl spontane Sympathie oder Antipathie gegenüber anderen Menschen. Wie aber funktioniert das bei ihr, so ganz ohne Blickkontakt? „Das kann ich gar nicht genau sagen“, sagt sie. Es muss wohl auch intuitiv geschehen, über die Stimme, über den Geruch. 

Apps als Alltagshelfer

Positiv wäre für Simone Degler-Wahl auch eine App auf dem Smartphone, mit der sie sich weitere Hilfe organisieren könnte. Etwa für Mitfahrgelegenheiten. Oder für einen Einkauf. Im IK-Beirat Selbsthilfe werde darüber schon länger diskutiert.

Immerhin: „Ich kann jetzt auch Bilder speichern und eine App sagt mir, was darauf zu sehen ist.“ Wieder eine andere App beschreibt Filme, so dass blinde Menschen auch ins Kino gehen können.

Digitale Hilfen gibt es also schon viele. „Aber bei der Digitalisierung kann noch ganz viel verbessert werden“, sagt Simone Degler-Wahl sehr bestimmt. Barrierefrei sei etwa das Internet noch lange nicht. In einem Film über die Arbeit im Beirat Selbsthilfe der Inklusionskonferenz sagt Degler-Wahl: „Inklusion muss in den Köpfen von allen wachsen.“ 

Wie recht sie hat. Wenn nämlich immer wieder Hindernisse wie E-Roller, Motorräder oder Baustellen auf den im Boden eingefrästen Leitlinien für Blinde auftauchen, dann wird den Menschen das Leben noch schwerer gemacht, als es eh schon ist.

Einsatz für Veränderungen

Simone Degler-Wahl will sich nicht ständig als Opfer sehen. Vor wenigen Tagen erst war sie mit sechs weiteren Blinden zum Urlaub in Bozen. Die 56-Jährige war für die Hin- und Rückfahrt mit dem Bus zuständig. „In Bozen haben wir dann vier Wanderungen mit Führung gemacht“, sagt Degler-Wahl, gerade so, als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre. 

Allerdings ärgert sie sich auch darüber, wenn vorgeschlagene Änderungen nicht vorangehen: „Ich hoffe schwer auf zwei Automatiktüren am Reutlinger Bahnhof“, sagt sie. „Ich muss da mal wieder anrufen.“ Sie nimmt also die Sachen selbst in die Hand. So wie im Beirat Selbsthilfe. „Die Arbeit dort ist mir sehr wichtig, weil ich dort auch andere Beeinträchtigungen kennenlerne.“ 

Degler-Wahl arbeitet im Übrigen schon seit mehr als 35 Jahren im Landwirtschaftsministerium in der Telefonzentrale. Ab dem sechsten Lebensjahr ging sie in ein Internat, in eine staatliche Schule für Blinde. Nach dem Hauptschulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Bürogehilfin, bekam die Stelle beim Ministerium. Die 56-Jährige ist in höchstem Maße selbständig – braucht aber auch immer wieder Hilfe.

Über die Inklusionskonferenz

Der Landkreis Reutlingen hat sich mit der Inklusionskonferenz 2013 auf den Weg gemacht, die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention auf kommunaler Ebene umzusetzen. Unterstützt durch den Beirat Selbsthilfe und in Kooperation mit unterschiedlichen Netzwerkpartnern wurden viele Maßnahmen und Projekte zum Abbau von Barrieren und einer umfassenden Teilhabe am Leben in der Gesellschaft umgesetzt. 

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