Am 20. Oktober 2025 haben wir bereits zum zweiten Mal anlässlich des Tags der nicht sichtbaren Beeinträchtigungen zu einer Veranstaltung eingeladen.
Weit mehr als 100 Gäste durften wir im Kino Kamino in Reutlingen begrüßen. Das hat unsere Erwartungen übertroffen und gezeigt, dass dieses wichtige Thema in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und eine hohe Bedeutung hat.
„Unser Anliegen ist es, das Bewusstsein in der Gesellschaft für mehr Toleranz und Diversität zu schärfen und für die Belange von Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren. Die heutige Veranstaltung soll dazu beitragen, Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen und die Herausforderungen, die damit einhergehen in den Blick zu nehmen. Der Weg zu echter Inklusion ist nicht immer einfach. Aber er beginnt mit der Entscheidung, niemanden zu übersehen. wir wollen heute ein Zeichen setzen – für Verständnis, für Rücksichtnahme und für eine Gesellschaft, in der niemand sich verstecken oder erklären muss, um gesehen und respektiert zu werden", so Susanne Blum, Leiterin der Geschäftsstelle Inklusionskonferenz.
Prof. Nicolas Rüsch hat mit einem sehr interessanten Vortrag das Thema aus professioneller Sicht beleuchtet und Interventionsmöglichkeiten zum Stigma-Abbau wie das von Psychiatrie-Erfahrenen geleitete Gruppenprogramm ‘In Würde zu sich stehen’ (IWS)” vorgestellt. Er ist Professor für Public mental Health (Sozialpsychiatrie) an der Uni Ulm und im BKH Günzburg und arbeitet klinisch im Home Treatment (aufsuchende Behandlung) und wissenschaftlich zum Thema Stigma psychischer Erkrankung.
Ein weiteres Highlight des Abends war die Premiere des Films „Leben mit unsichtbaren Beeinträchtigungen-Herausforderungen und Stigmatisierung“. Der Film wurde im Auftrag der Inklusionskonferenz erstellt und konnte dank der Mitwirkung von 7 Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigung umgesetzt werden. Diese Protagonistinnen und Protagonisten waren bereit, über ihre jeweiligen Lebensumstände und die Herausforderungen, die mit nicht sichtbaren Beeinträchtigungen einhergehen, zu sprechen und die Öffentlichkeit an ihren individuellen Lebenswelten teilhaben zu lassen. Der Film gewährt sehr persönliche Einblicke und portraitiert die betroffenen Menschen auf eine sehr einfühlsame Art. Damit trägt es dazu bei, Barrieren abzubauen und Verständnis und Respekt zu fördern.
In einer anschließenden Podiumsrunde gab es abschließend noch die Möglichkeit ins Gespräch zu kommen.
Mit dieser Veranstaltung haben wir einmal mehr unseren Blick auf nicht sichtbare Beeinträchtigungen gerichtet - auf einen Aspekt von Vielfalt und Inklusion, der oft übersehen wird.
Nicht jede Beeinträchtigung ist auf den ersten Blick erkennbar. Viele Menschen leben mit chronischen Erkrankungen, psychischen Belastungen, Autismus-Spektrum-Störungen, neurodivergenten Merkmalen, seelische Ausnahmezustände, Depressionen oder anderen Einschränkungen, die sich äußerlich kaum oder gar nicht zeigen. Oft werden diese Herausforderungen von außen nicht erkannt, doch sie beeinflussen das tägliche Leben, die Arbeit, die Freizeit und die sozialen Beziehungen.
Was für das Umfeld oft unsichtbar bleibt, ist für die Betroffenen tägliche Realität – mit all ihren körperlichen, psychischen, sozialen und beruflichen Herausforderungen. Diese Unsichtbarkeit kann zur doppelten Belastung werden: Neben den eigentlichen Einschränkungen erleben viele Menschen auch Unverständnis, mangelnde Rücksichtnahme oder das Gefühl, sich ständig erklären und rechtfertigen zu müssen.
Genau hier setzt der Tag der nicht sichtbaren Beeinträchtigungen an. Er möchte Bewusstsein schaffen für Lebenswirklichkeiten, die im Verborgenen liegen. Er erinnert uns daran, dass Behinderung nicht immer sichtbar sein muss, um real zu sein. Und er ermutigt uns als Gesellschaft, genauer hinzusehen, offener zuzuhören und achtsamer miteinander umzugehen.
Dabei bedeutet Inklusion für uns mehr als bloße Toleranz. Es bedeutet, alle Menschen vorbehaltlos einzubeziehen, ihre Vielfalt zu anzuerkennen und ihnen gleiche Chancen zu bieten. Es geht darum, Barrieren – sei es physisch, digital, sprachlich oder gesellschaftlich – systematisch abzubauen und Räume zu schaffen, in denen sich jeder sicher, respektiert und wertgeschätzt fühlt. Denn jeder Mensch verdient gleiche Chancen, unabhängig davon, ob Beeinträchtigungen sichtbar sind oder nicht.
Inklusion bedeutet mehr als bauliche Barrierefreiheit. Sie bedeutet, dass wir Räume schaffen, in denen sich alle Menschen sicher und angenommen fühlen – unabhängig davon, ob ihre Bedürfnisse auf den ersten Blick erkennbar sind oder nicht. Dazu braucht es Empathie, Bildung und den festen Willen, gesellschaftliche Strukturen nicht nur anzupassen, sondern grundlegend inklusiver zu gestalten.
Wir haben mit unserer Veranstaltung ein Zeichen gesetzt – für Verständnis, für Rücksichtnahme und für eine Gesellschaft, in der niemand sich verstecken oder erklären muss, um gesehen und respektiert zu werden.
Sozialdezernent Andreas Bauer forderte: „Lassen Sie uns gemeinsam aktiv werden: Nicht urteilen, sondern nachfragen, wenn etwas unklar ist; nicht annehmen, dass alles für jeden gleich ist, sondern individuelle Bedürfnisse ernst nehmen und gemeinsam Lösungen finden, die für alle funktionieren.“
Am 20. Oktober 2024 fand erstmals der Tag der nicht sichtbaren Beeinträchtigungen statt. Der Beirat Selbsthilfe der Inklusionskonferenz im Landkreis Reutlingen hat in Kooperation mit Autismus verstehen e.V. und der Selbsthilfegruppe Psychiatrie-Erfahrener Reutlingen SPER in das Augustin-Bea-Haus in Reutlingen eingeladen.
Manche Menschen können die zahlreichen Reize, die im Alltag auf sie hereinprasseln, nicht gleichermaßen verarbeiten. Die Gründe sind vielfältig, macht aber das Miteinander kompliziert. Sensibilisierung für diese alltäglichen Herausforderungen von Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen, darum ging es.
Betroffene leiden häufig besonders darunter, dass sie sich von der Gesellschaft missverstanden und nicht gesehen fühlen. Viele unsichtbare Erkrankungen werden in der Gesellschaft immer noch stigmatisiert und tabuisiert.
"Wir wollen Bewusstsein schaffen und mit Betroffenen ins Gespräch kommen, damit wir tatsächlich wissen, was notwendig ist, um Barrieren abzubauen", betonte Landrat Dr. Ulrich Fiedler zur Begrüßung. „Unsere Aufgabe ist es, die Gesellschaft für unsichtbaren Erkrankungen zu sensibilisieren und das Bewusstsein für die damit einhergehenden Herausforderungen und Barrieren zu fördern. Nur so können wir Barrieren in den Köpfen abbauen und unserem Ziel einer vielfältigen und bunten Gesellschaft, in der alle gleichberechtigt und diskriminierungsfrei miteinander leben können, näher kommen“.
Dr. Gottfried Maria Barth, stellvertretender ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter in Tübingen, hielt den Gastvortrag. Ob psychische Beeinträchtigung, Autismus, ADHS oder Depressionen, es reichen oft Menschenansammlungen, Berührungen, Gerüche, gewisse Lärmpegel oder Lichtflut, um Reizüberforderung auszulösen.
In Workshops wurden in mehreren Gruppen wichtige Herausforderungen und Veränderungsimpulse erarbeitet. Themen wie Ängste, Mobbing, Ansprechpartner bei der Arbeit, Offenheit, Früherkennung und Rücksichtnahme standen genauso im Fokus wie die Möglichkeit der Hilfe und Vernetzung.
Eine defizitorientierte Gesellschaft sieht in erster Linie die Probleme und weniger die Stärken, die jeder Mensch hat und einbringen kann. Dieses Bewusstsein zu schaffen ist eine wichtige Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.
„Wir wollen gemeinsam ein Zeichen setzen und deutlich machen, dass niemand alleine ist mit den durch nicht sichtbare Beeinträchtigungen bedingten Herausforderungen im Alltag“ brachte es Susanne Blum, Leiterin der Geschäftsstelle Inklusionskonferenz, auf den Punkt.
Es ist beabsichtigt, auch in den kommenden Jahren den Tag der nicht sichtbaren Beeinträchtigungen am 20. Oktober mit unterschiedlichen Veranstaltungsformaten gemeinsam zu gestalten.