28. Juli 2006

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10 Jahre Zentrum für Gemeindepsychiatrie in Reutlingen

Grußwort – 10 Jahre Zentrum für Gemeindepsychiatrie in Reutlingen, 28. Juli 2006, 11.00 Uhr
 
Sehr geehrte Frau Krainhöfer,
Herr Ministerialdirigent Dr. Kohler,
Frau Oberbürgermeisterin Bosch,
MdLs, Kreisräte, Gemeinderäte,
meine Damen und Herren,
 
es ist heute ein ganz besonderer Anlass, der uns hier im Festzelt zusammengeführt hat und der es wert ist, dass wir kurz innehalten und uns der Bedeutung dieses 10-jährigen Bestehens des Zentrums für Gemeindepsychiatrie in Reutlingen vor Augen führen. In der Einladung ist das so formuliert: Seit 1996 arbeiten verschiedene Einrichtungen und Dienste in unterschiedlicher Trägerschaft im Reutlinger „Zentrum für Gemeindepsychiatrie“ zusammen, um ihre Hilfeangebote unter einem Dach zu bündeln.
Aber, meine Damen und Herren, seien wir uns bewusst, dass das „Krankenhäusle“ als Gemeindepsychiatrisches Zentrum in vielerlei Sicht ein Vorreiter in der Gemeindepsychiatrie in Baden-Württemberg war und ist. Denn lange, bevor anderenorts in Baden-Württemberg gemeindepsychiatrische Zentren gegründet wurden, und es gibt sie nach wie vor noch nicht in jedem Landkreis, hat sich in Reutlingen, zunächst auf Initiative zweier Träger, der damaligen Gustav Werner Stiftung und des Vereins zur Förderung einer sozialen Psychiatrie, eine Trägerschaft für das Zentrum für Gemeindepsychiatrie zusammengefunden. Diese Pioniertat verdient öffentlich Respekt und Anerkennung. Eine zentrale Anlaufstelle für psychisch kranke Menschen und ihre Angehörigen in der Region wurde geschaffen, doch was heißt das: Insbesondere Menschen, die durch ihr vermeintliches Anderssein eine Ausgrenzung erfahren, bedürfen der besonderen Zuwendung. Integration in das eigentliche Leben und Teilhabe an der Gesellschaft waren und sind die entscheidenden Ziele, die trotz unvergleichlicher Schwierigkeiten auch bei psychisch kranken Menschen angestrebt werden müssen. Psychisch Erkrankte brauchen die Unterstützung, Behandlung und Begleitung durch professionell und ehrenamtlich Tätige, die an ihnen interessiert und bereit sind, sich der inneren Einsamkeit des Betroffenen zu stellen. Das heißt auch, bereit zu sein, in einem schwierigen Kontext zu arbeiten und den psychisch erkrankten Menschen gegenüber bürokratischen oder gesellschaftlichen Hemmnissen zu unterstützen, therapiefeindliche gesellschaftliche Diskurse zu ertragen und ihnen entgegenzuwirken. Psychisch kranke Menschen brauchen Brückenschläge und keine Beziehungsabbrüche.
 
Und so gilt es, Behandlungsnetze und gezielte Formen der Kooperation zu schaffen, in denen nicht ausschließlich der behandelnde Mediziner oder Therapeut mit dem Betroffenen arbeitet, sondern andere professionelle Tätige aus psychosozialen Einrichtungen oder gemeindepsychiatrischen Diensten mit einbezogen werden, nicht zuletzt auch für das soziale Netzwerk des Betroffenen und das weitreichende Angebot der Selbsthilfe.
Für den Landkreis Reutlingen als Träger der Sozialhilfe sind im Zentrum für Gemeindepsychiatrie wichtige Strukturen zur Umsetzung des Hilfeplanverfahrens in der Sozialpsychiatrie und damit einem Aufgabenbereich der Eingliederungshilfe zusammengefasst.
Mitten in der Reutlingen Stadtmitte ermöglicht das Zentrum nahezu sinnbildlich die integrative Versorgung chronisch psychisch Kranker im Gemeinwesen und hält damit auch einen unaufdringlichen, niederschwelligen Zugang zu Beratung, Begleitung und Tagesstruktur vor. Darum geht es doch: Gemeindepsychiatrie als Psychiatrie, die in die Gemeinde geht, eine Psychiatrie, die ihre Hilfen zu den Menschen bringt und nicht die Menschen zu zentralen Hilfeinstitutionen. Eine Psychiatrie, und ich glaube dies ist auch besonders wichtig, die unter den Augen der Öffentlichkeit stattfindet. Die Psychiatrie muss in die Gemeinde gehen, in die Straßen und Häuser, wenn sie den Menschen da helfen will, wo es Not tut und nur wenn die Psychiatrie ihre Mauern verlässt, wird sie auch den Mantel des Geheimnisumwitterten abstreifen können.
Kooperation der Leistungserbringer ist also das Gebot der Stunde. Nur so werden die Hilfeangebote unterschiedlicher Maßnahmeträger und verschiedener Kostenträger zu einem individuell passenden Hilfepaket für den betroffenen Menschen. Zusammenschluss der Leistungserbringer ist aber auch, dass Hemmnisse und Egoismen von Leistungsträgern und –erbringern abgebaut werden, um zu kooperierenden und integrierenden Strukturen zu kommen. Dabei ist weniger der Gesetzgeber gefragt als die Bereitschaft der einzelnen Akteure, an einer auf Kooperation ausgerichteten Versorgungsstruktur mitzuwirken. Und auch deshalb, meine Damen und Herren, habe ich großen Respekt vor der modellhaften Umsetzung des Gemeindepsychiatrischen Zentrums in Reutlingen und auch deshalb spreche ich von einem Vorreiten der Gemeindepsychiatrie in Baden-Württemberg. Aber letztlich muss uns auch dies klar sein: Der Erfolg einer solchen Einrichtung hängt entscheidend von den Menschen ab, die darin arbeiten. Ihnen gilt mein besonderer Dank, denn sie stehen für den verantwortlichen und verstehensbereiten Umgang der Menschen mit sich und anderen. Der Weg führt nicht über anonyme Strukturen, sondern über die menschlichen Ressourcen.
 
Ich danke Ihnen.

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